Backnang setzt auf neue Wege bei der Klärschlammbehandlung

Die neue Anlage in Backnang-Neuschöntal reduziert die Zahl der Schlammtransporte deutlich

Ein Forschungsversuch soll nun zeigen, ob sich der getrocknete Schlamm auch vor Ort energetisch verwerten lässt. Langfristig könnte daraus ein regionaler Kreislauf für Energie und Phosphor entstehen.

Aus Klärschlamm einen nutzbaren Rohstoff machen und zugleich unabhängiger von schwankenden Energie- und Entsorgungspreisen werden: Mit diesem Ziel hat die Stadtentwässerung Backnang die Klärschlammbehandlung in der Sammelkläranlage Backnang-Neuschöntal neu aufgestellt. Die Anlage wurde im September 2026 in Betrieb genommen und am 22. September offiziell eingeweiht.

Felix Hellmuth Maschinenbau-Ingenieur und Geschäftsführer.
Felix Hellmuth Maschinenbau-Ingenieur und Geschäftsführer. Er ist gleichzeitig der Erfinder und Konstrukteur des Kaskaden-Trockners. Er und sein Team managen nun sechs Jahre lang den betrieb der neuen Anlage

Das Konzept entwickelte die Stadtentwässerung 2025 gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Jedele und Partner GmbH. Dabei flossen Erfahrungen aus Trocknungsprojekten in Kempten und Göppingen ein. Dort werden Anlagen für jährlich 6.000 beziehungsweise 10.000 Tonnen mechanisch entwässerten Klärschlamm eingesetzt.

In Backnang gelang die Umsetzung von 3.000 Tonnen pro Jahr innerhalb kurzer Zeit: Zwischen der Öffnung der Angebote für die europaweit ausgeschriebene Klärschlammentsorgung am 14. Oktober 2025 und der Einweihung verging nicht einmal ein Jahr. In dieser Zeit wurde die neue Anlage geplant, genehmigt und realisiert.

Betrieben wird sie vom Hersteller des Trockners. Die Stadt Backnang mietet die Anlage zunächst für sechs Jahre bis 2032. Anschließend ist eine Verlängerung um drei Jahre oder der Kauf zu einem bereits festgelegten Restwert möglich.

Weniger Wasser, weniger Transporte
Die Behandlung beginnt mit dem ausgefaulten Schlamm, der in drei Nacheindickern gespeichert wird. Von dort gelangt er in eine neue Schneckenpresse. Sie ersetzt die bisherigen Kammerfilterpressen, die rund 50 Jahre lang zur Schlammbehandlung gehörten.

Unter Zugabe von Polymeren entzieht die Presse dem Schlamm einen großen Teil des Wassers. Danach besteht er noch zu etwa drei Vierteln aus Wasser und zu einem Viertel aus Feststoffen. Im nächsten Schritt reduziert der Trockner den Wassergehalt auf nur noch zehn Prozent.

Nach Angaben des Planungsbüros wird der Schlamm dabei nicht wärmer als 40 Grad Celsius. Die feuchte Abluft wird direkt an die Atmosphäre abgegeben. Eine sichtbare Wasserdampffahne und Gerüche treten demnach im Betrieb nicht auf. Brüdenkondensat, also kondensiertes Wasser aus der Trocknungsabluft, fällt bei diesem Verfahren ebenfalls nicht an.

Der Wasserentzug verringert die zu transportierende Schlammmenge erheblich: Statt bislang etwa 120 werden künftig nur noch rund 30 Lkw-Fahrten pro Jahr für die externe Verwertung benötigt. Das entspricht einer Reduzierung um drei Viertel.

Wärme aus regionalem Holz
Auch bei der Wärmeversorgung setzt Backnang auf Eigenständigkeit. Eine Holzfeuerungsanlage des Herstellers Heizomat versorgt den Trockner unabhängig vom Wärmehaushalt der Kläranlage. Sie verfügt über eine thermische Leistung von 500 Kilowatt; der Trockner benötigt im Regelbetrieb davon rund 165 Kilowatt.

Als Brennstoff dient regionales Holz. Perspektivisch könnte auch das eigene getrocknete Klärschlammgranulat eingesetzt werden. Es besitzt nach Angaben des Planungsbüros einen mit Braunkohle vergleichbaren Brennwert.

Ob sich das Granulat in der vorhandenen Feuerung energetisch verwerten lässt, soll ein Versuch unter Leitung von Professor Peter Quicker von der RWTH Aachen zeigen. Er forscht auf dem Gebiet der thermischen Abfallbehandlung. Der Versuch ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer möglichen Verwertung des Schlamms direkt am Standort.

Phosphor für die Landwirtschaft
Mit einer örtlichen thermischen Verwertung verbindet sich eine weitere Perspektive: Der im Schlamm enthaltene Phosphor könnte für die Landwirtschaft zurückgewonnen werden.

Das Planungsbüro beziffert das mögliche Potenzial auf rund 30 Tonnen Phosphor pro Jahr. Bezogen auf den dort angegebenen jährlichen Einsatz von etwa 300 Tonnen Phosphor in der Landwirtschaft des Rems-Murr-Kreises entspräche dies rund zehn Prozent. Voraussetzung ist, dass sich aus den Rückständen ein geeignetes und zugelassenes Düngemittel herstellen lässt.

Damit würde der Leitgedanke des Projekts greifbar: „Aus der Region, für die Region.“ Regionales Holz liefert Wärme, der Schlamm wird vor Ort behandelt, und zurückgewonnener Phosphor könnte wieder auf landwirtschaftlichen Flächen in der Umgebung eingesetzt werden.

Kaskaden-Trockners auf der Kläranlage in Backnang-Neuschöntal 

Ein mögliches Vorbild für andere Kommunen
Langfristig verfolgen die Projektpartner das Ziel eines klimapositiven Betriebs. Ob das Gesamtkonzept tatsächlich eine CO₂-Senke schaffen kann, muss anhand der vollständigen Energie-, Stoff- und Treibhausgasbilanz nachgewiesen werden.

Nach Einschätzung von Jedele und Partner ist die geplante Kombination in Deutschland bislang einmalig. Gelingt auch die thermische Verwertung mit anschließender Phosphornutzung, könnte Backnang zum Vorbild für weitere kommunale Kläranlagen werden – insbesondere für Anlagen mit einer Ausbaugröße zwischen 15.000 und 150.000 Einwohnerwerten.

Mit der Inbetriebnahme der Entwässerung und Trocknung ist der erste Schritt bereits vollzogen. Die nächsten Versuche sollen zeigen, wie weit sich der regionale Kreislauf schließen lässt.

Quelle: Jedele und Partner GmbH

Unsere Kontaktinformationen für Ihre Anfragen
Felix HellmuthGeschäftsführer
Christoph SternProjektsteuerung